Samstag, 12. Januar 2008

Tag..

Ich konnte leider meinen Gedankengang nicht ganz beenden. Dennoch. Es geht schlicht darum, dass sich diese menschlichen Kontakte gut anfühlen, auch ganz ohne Berührung. In der Ausländerbehörde und auf den Straßen gehen sogar die Weißen freundlich miteinander um, bieten sich gegenseitig Hilfe an. Eine französische Familie saß am gestrigen Tag eine Stunde vor dem Schalter in der Ausländerbehörde in der Schlange. Ja, hier sitzt man gelegentlich in der Schlange. Jedenfalls war ich in derselben Zeit zweimal bei der Schreibtisch-Lady, dann beim Officer, dann am Schalter und nochmal bei der Schreibtisch-Lady. Also riet ich den Franzosen sich einfach etwas offensiver zu verhalten, weil freundliches Anstehen hier nichts taugt. Alle zwei Minuten kommt ein Aufseher, fuchtelt wild in der Gegend herum, gibt irgendwelche Anweisungen, nach denen die gesamte Sitzordnung geändert wird. Scheinbar willkürlich saß ich dann also in der ersten Reihe vor dem Schreibtisch und vor mir war nur noch ein Mann der gerade mit der Schreibtisch-Lady seine Unterlagen durchging. In Deutschland malt man ja gerne Abstandsstriche, damit ich meine höchstpersönlichen Postangelegenheiten klären kann, ohne dass mir jemand dabei über die Schulter guckt. Bald bestellen wir bestimmt auf diese Weise auch Döner. In Indien nimmt man einfach direkt vorne am Schreibtisch auf dem zweiten Stuhl Platz, glotzt dem anderen unverhohlen in die Unterlagen und wartet, bis man seine Unterlagen der Lady geben kann. Das sah beim Finanzamt genauso aus. Die Lady dort bearbeitete gleichzeitig bestimmt fünf Vorgänge, während mein PR-Mitarbeiter, der mich durch die ganze Stadt zu den Ämtern fuhr, immer wieder auf sie einredete, was sie nicht sonderlich zu stören schien. In Deutschland heißt es sicher „einer nach dem anderen. Ich kann nun wirklich nicht zwei Vorgänge gleichzeitig bearbeiten“. Nein, das können sie hier auch nicht. Aber sie tun es einfach. Während sie also mit dem Mann redete, der eigentlich vor mir an der Reihe war, redete der PR-Mann (sein Name ist so ähnlich wie Car-Trick, ich glaube sogar Car-Tick, man braucht eindeutig Eselsbrücken) auf sie ein und die Lady telefonierte mit irgendwem, dass klang in etwa dauerhaft wie „anala german la“, was soviel bedeutete, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie den Vorgang mit dem nervigen Deutschen regelt. Die Sprache an sich ist sowieso eine herrliche Sache, ich werde mal jemanden bitten, ein wenig Tamil zu quatschen, dann kann man das bestimmt hier abspielen. Wirklich viel versteht man da nicht. Ich zumindest nicht.

Am vergangenen Samstag traf ich mich jedenfalls mit Hudson, dem Deutsch-Tamilen aus der Handelskammer in Adyar-Indra Nagar-Watertank-60 Rupees, meiner alten Heimat. Dort angekommen ging ich zu Gopalans Haus, meinem ehemaligen Chef, der den Refees hier Unterkunft bietet. Oskar, der alte dreckige und stinkende Schäferhund lag wie eh und je im Schatten und wollte gar nicht erst aufstehen. Nachdem ich ihn aber beim Namen nannte, kam er dann doch angetrottet, streckte Pfote entgegen und wollte gar nicht mehr loslassen – er wäre sonst auch sicher umgekippt. Gopalans Haus sieht aus wie immer und gibt mir ein wehmütig heimisches Gefühl. Hudson kommt herunter, ich sage, ich würde gerne zum Friseur und es ist wirklich ein Segen, einen tamilisch sprechenden dabei zu haben. Wir gehen hoch zur LB-Road, an der Ecke ist das gute alte Chicken-Head Restaurant. Der Name hat sich über Generationen von Refees so erhalten: es handelt sich um ein Veg-Restaurant und als einmal ein Refee davorstand, fiel ein Hühnerkopf vom Dach vor seine Füße. Das Essen ist dort aber sehr gut, man bekommt ein All-you-can-eat Menu (Thali) für 30 Rupees, wenn Parin nicht dabei ist. Wenn Parin dabei ist, muss man in den klimatisierten Keller, da entgeht einem der Blick auf die vollbefahrene lebendige Straße, es ist schweinekalt und man bekommt anstelle eines Bananen-Palmenblattes einen aus Keramik geformten Kreis, auch Teller genannt. Man munkelt, dass unten sogar einige indische Familien untereinander englisch sprechen und ganz selten manche sogar mit einer Gabel essen.

Hudson kannte einen Friseur neben dem Restaurant, nicht dass er schon einmal da gewesen wäre – ich war nun offensichtlich sein Versuchskaninchen. Uns öffnet ein pickliger Zehntklässler, der Ronaldinho ein wenig ähnelte, die Glastür, in seinem Fernseher läuft eine tamilische Soap, der „Salon“ misst gut 10 Quadratmeter, Hudson redet irgendetwas mit ihm, der Junge bietet mir einen Platz an, schaltet direkt neben mir die Klimaanlage an, er ist wohl der Friseur. Ich erkläre also Hudson was ich in etwa möchte, Hudson stellt sich hinter mich und erklärt es dem Jungen und das ganze Gespräch gleicht eher einer Verhandlung und die Zeichen, die ich sehr wohl über den Spiegel wahrzunehmen vermag, gleichen eher einer zu hoch anzusetzenden Guillotine. Nun gut, der Junge zückt die Schere, Hudson guckt die Soap im Fernsehen an und das Schnipp-Schnapp ist eindeutig gekonnt und fingerfertig. Über den Ohren arbeitet das Jungchen mit einer ungeheuren Präzision, später sogar mit einer frischen Rasierklinge. Sämtliche Ergänzungen macht er gerne und antwortet auf die Frage nach seinem Alter mit achtzehn, wirft uns danach aber verstohlene Blicke zu. Ehrlich gesagt wirken ein Weißer und ein Tamile, der aber auch deutsch spricht, tatsächlich ein wenig Angst einflößend, nicht geheuer. Insgesamt ein tolles Erlebnis, nicht in einen Friseursalon, sondern zu einem richtigen Handwerker zu gehen. Kostenpunkt 40 Rupees, das sind gut 80 Cent.

Danach gehen wir ins Chicken-Head, bestellen einen Kaffee und einer der Kellner begrüßt mich mit Händedrück, er kennt mich noch aus 2006, grinst, redet und redet und lässt meine Hand nicht mehr los, was mich dann doch ein bißchen an Oskar erinnert. Nun gerät endlich auch Hudson in Sprachprobleme weil Coffee to-go und takeaway hier keiner versteht, das heißt eben parcel oder am besten „parcelha“. Mehrere Kellner gesellen sich nacheinander an unseren Tisch, grinsen breit und Hudson lädt mich auf den Kaffee für glatte 10 Rupees ein. Danach lernen wir, warum man mit einem Coffee for parcel nicht in die Rikshaw steigt. Wir fahren zum Strand, Kaffe, Zigarettenqualm und Abgase wehen und gleichermaßen mehr oder weniger angenehm entgegen. Dort angekommen treffen wir ein paar Deutsche und einen Kanadier im Englandtrikot und spielen am Strand Fußball. Zumindest fünf Minuten lang ist unser Spiel qualitativ Weltklasse, danach bloßer Standfußball, wobei es erschreckend, dass die anderen alle 10 Jahre älter sind und länger laufen können als Hudson und ich. Wir haben sonnige dreißig Grad, kühlen Wind, das Meer schlägt Wellen, der Sand ist angenehm warm an den Füßen, am Rücken, im Mund. Ein paar Meter entfernt spielen einige Tamilen Cricket und spielen uns immer wieder den Ball zurück. Als das erste Mal der Ball von ihnen nicht zurückgespielt wurde und sich einer aus unserer Gruppe schon zum Ballholen erbarmen wollte, befahl ein am Rand stehender und vollkommen unbeteiligter Tamile den Cricket-Jungs, uns gefälligst den Ball zuzuspielen. Sehr nett. Auf der Mauer, die den Strand von dem Strandweg abgrenzt, sitzen ein paar junge Pärchen, gerade so nah aneinander, um ein wenig Wärme des andern zu spüren, mehr Nähe wird in der Öffentlichkeit nicht gezeigt. Meist guckt sie zu ihm, erzählt etwas und er sieht sich unser Spiel an – überhaupt sind die Weißen mit dieser unpopulären Sportart gerade eine Attraktion. Ich stehe mittlerweile wegen leichter konditioneller Defizite im Tor, eigentlich aber nur, um Euch diese Beobachtungen zu beschreiben…

Danach sitzen wir bei Dirk auf dem Dach, Hudson und ich bei Wasser, die anderen trinken Weizen, ein Kicker steht parat, aber keiner von uns will sich noch bewegen. Der Abend endet nach einer endlosen Fahrt durch das stickige überfüllte und mittlerweile dunkle Chennai bei Ansgar und mir auf dem Dach. Hudson hat sich von einer Cocktailparty losgerissen und eine Kiste Bier mitgebracht, es ist angenehm warm draußen, Anke gesellt sich zu uns, Rebecca ist zu Besuch und es entsteht eine richtig nette Unterhaltung, vier Deutsche, eine Tamilen. Die Muttersprache ist wichtig, falls sich jemand fragt, warum ich hier nur mit Kartoffeln sitze. Schade, dass Parin, Mukun, Bhatti und Vivek nicht mehr in Chennai sind. Ranvir und Avneet werde ich noch treffen. Das sind alles Freunde aus 2006, also wirklich welche, mit denen vor allem persönliche und kulturelle Unterhaltungen möglich ist. Dafür, dass ich erst kurz hier bin, freue ich mich über die ganze Gesellschaft um mich herum, freue mich nachts mit der Rikshaw nach Hause zu fahren und das Übriggebliebene des täglichen Lebens zu sehen. Wenn ich über „das Leben“ schreibe, dann ist das unvergleichlich, mit dem „Leben“ in Deutschland. Wer die Hamburger Innenstadt im Dezember vor Weihnachten kennt, dem fehlt einfach der Chennai`s Gestank an allen Ecken und Ende, das sekündliche Hupen, der Staub in der Luft, 35 Grad Temperaturunterschied, die kleinen Läden, die Menschen, die sich nach den Weißen umgucken. Dem fehlt, beim Überqueren einer Straße täglich fast überfahren zu werden. Derjenige kennt auch Straßen ohne Schlaglöcher und Kantsteine, auf denen man auch gehen kann. Der weiß, man in den Läden normale Preise bekommt und dass man nicht überall und immer verhandeln muss. Er kann überall essen, wo es nach essen riecht.

Es gibt noch soviel mehr.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Danke für ein wenig Zuspruch!

Ich versuche dann wieder da einzusteigen, wo ich aufgehört habe. Die tägliche Aufzählung muss ich leider aufgeben und mich lieber auf eine Zusammenfassung nach kurzer Zeit beschränken. Ich habe keine Fotos anzubieten, weil das Interessanteste für mich die Menschen hier sind und ich mich nur ungern vor sie stelle, sie dann abfotografiere. Und die Kollegen in der Firma sind nicht so interessant zu fotografieren wie etwa die Menschen auf der Straße, die Kinder, die mir zurufen und zuwinken, die alten Watchmen, die wenn man sie anlächelt, freundlich, wegen der unerwarteten Begrüßung, den Kopf wackeln und zum Gruße die Hand an die Stirn heben. Schön ist die Geste der Rikshaw-Fahrer, die zwar deutlich zu den hartgesottenen gehören (müssen), aber trotz des Chaos auf den Straßen das verdiente Geld mit beiden Händen umfassen und an die Stirn halten, so dass man kein Tamil verstehen muss, um zu erkennen, dass diese Geste Respekt und einen gewissen Dank zugleich ausdrückt. Schön ist es, dass ich heute morgen einen fröhlichen Fahrer erwischt habe, der einen Freund oder Bekannten in einer Rikshaw neben uns traf und beide bei Tempo 30 sich zuriefen und zulachten, weil diese frei heraus offene Art soviel zeigt, was wir leider vergessen zu haben scheinen. Ich wartete heute in einer Mittagspause auf Stef und Prayathna vor einem Supermarkt, der zugleich auch eine Apotheke ist und am Obst- und Gemüseabteil, das beinah auf der Straße liegt, sitzt ein etwa 12jähriges Mädchen und grinst mich an. Ich wunder mich über ihr offenes Grinsen, lächle ein wenig zurück und nach ein paar Minuten steht hinter dem Schalter neben ihr ein etwa gleichaltriges Mädchen auf, grinst genauso über beide Ohren. Beide Mädchen mit dicken schwarzen Haaren, ordentlich zu Zöpfen geflochten, ihre Haut beinahe schwarz, aber uns sehr ähnliche Gesichtszüge, fast wirken sie ein wenig feiner, warum vermag ich nur zu mutmaßen und würde mich auf mehr Lebensfreude, gesünderes Essen, weniger Fernsehen und Medien und all das andere schlechte gesellschaftliche berufen. Sicherlich auch mehr Bewegung. Jedenfalls steht das eine der beiden Mädchen auf, kommt auf mich zu, geht um mich herum, das andere ruft ihr etwas zu, sie antwortet etwas ähnlich Unverständliches, beide lachen, sie läuft noch einmal um mich herum, eine Mama aus dem Laden grinst nun auch an. Zweic Männer, die auch in dem Laden arbeiten und gerade versuchen ein Plakat anzubringen grinsen sich breit an und lächeln mir höflich zu. Sicherlich geschehen diese Situationen nur Weißen hier und vielleicht auch nur denjenigen Weißen, die auch mal Fremde anlächeln und „zutraulich“ sind oder zumindest so erscheinen. Mir bedeuten diese Situationen etwas, nicht nur, dass man Beachtung findet, sondern vielleicht auch, weil man überhaupt und dann sogar freundlichen und interessanten menschlichen Kontakt hat, jedesmal auf eine neue unbekannte Art, jedesmal aber wesentlich weniger gekünstelt, nicht aufgesetzt, eben natürlich. Wer einmal indische Filme gesehen hat, die ganz sicher viel zu kitschig sind, der hat vielleicht bemerkt, dass das einzig wirklich gute die Gesichtsausdrücke sind, weil sie gerade nicht so professionell sind, wie wir es sonst aus Filmen gewohnt sind.

In der Ausländerbehörde sprach mich heute ein etwa 20jähriger Junge an, der aus Afghanistan kommt und in Delhi studieren möchte. Ich frage ihn nach dem Zustand und wo er genau herkomme. Kabul antwortet er und besteht darauf, dass das Leben dort sicher sei. Soldaten aus U.K. und U.S., Deutsche habe er nicht gesehen, aber durch die Soldaten sei es sehr sicher und er spricht von seinem Alltag. Auf einige Nachfragen gesteht er einige Bombenexplosion und ein wenig Terrorismus ein, aber nicht da wo er wohne. Jedenfalls wolle er nach Delhi und Politologie studieren und dann zurück nach Kabul. Seine Eltern seien wohlhabend, aber nicht reich, er arbeite als Kellner und das Studium in Delhi koste nur 500 Dollar im Jahr und das Leben in Delhi ebenfalls monatlich zwischen 100 und 200 Dollar. Warum ich das erzähle? Beachtlich, wie sich die Vorstellungen von Lebensqualität und die Ansprüche verzerren, wenn man mit so jemandem spricht. Beachtlich, dass der Junge meint, dass die Zeitungen uns nur das Negative schildern (na gut, das ist nicht sonderlich beachtlich), aber immerhin, dass ich als ich Kabul hörte, den Jungen eher für einen Flüchtling hielt, als für jemanden, der hier studieren geht und der sagt, in seinem Stadtteil sei alles sehr schön und sehr sicher. Wenn man nur die Heimat kennt, so sind Kindheit und Alttagsleben daran gebunden. Alles was ich hier vermeintlich „Seltsames“ über Indien berichte, ist eigentlich nur seltsam, weil ich es nicht kenne, nicht gewohnt bin. Ein Beispiel dafür wäre, dass es drinnen und draußen regnet, wenn es in Chennai regnet. Nicht, dass sämtliche Dächer kaputt wären, aber durch die extremen Belastungen von Hitze und Regenfluten tropft es hier und da durch. Das gleiche galt für den Bus nach Pondicherry, als es zu regnen begann und sich die linke Seite des Busses nach rechts setzen musste, um nicht nass zu werden.

Jeden Tag kommt man nach Hause und auf dem Glastisch ist weißer Dreck, also Gips oder Ähnliches, das von der Decke bröselt. Das wird auch jeden Morgen entfernt, ist aber abends wieder da. Damit beschäftigt man sich auch nicht wirklich.

Der Kühlschrank ist nicht der Neueste und muss eben jeden Monat abgetaut werden, weil das Eisfach wegen der Luftfeuchtigkeit weder auf noch zu geht. Hinzu kommt, dass man Lebensmittel zum einen wegen der nächtlichen Hitze schlecht außerhalb des Kühlschrankes aufbewahren kann, zum anderen wegen der Ameisen und Käfer, die den Braten erstaunlich schnell riechen.

Mücken sind sicherlich etwas, worunter nicht bloß Indien leidet. Wer mit dem Essen im Supermarkt nicht zurecht kommt, auch weil kein Haltbarkeits- sondern ein Herstellungsdatum auf den Waren steht, muss eben Essen gehen. Aber nicht nur ich, der schon seine ersten Magenprobleme hat, muss auf die Qualität des Restaurants achten und hoffen. Das geht den Indern genauso. Einige meiner Arbeitskollegen gehen jeden Tag in das gleiche Restaurant, nicht weil sie das Essen dort mögen oder wissen dass es sauber ist, sondern weil sie Meinung sind, dass sie sich an die Bakterien und den Dreck aus dem Restaurant gewöhnt haben.

Den Verkehr auf den Straßen habe ich zig-fach beschrieben. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren und völlig im Gegensatz dazu und dennoch gleichzeitig eine unglaubliche Rücksichtnahme. Sicher versucht jeder sich seinen Weg zu bahnen und natürlich hat die Mofa wesentlich weniger zu lachen, als Motorrad, Rikshaw, Auto oder Bus. Dennoch winkt der verkrüppelte Junge im Rollstuhl, der genau so irre abbiegt wie alle anderen dem Busfahrere zu, um auf sich aufmerksam zu machen und der Bus wartet eine Minute lang geduldig, bis der Junge seinen Weg hinter sich hat. Auf meinem heutigen Heimweg hatte ich einen sehr besonnenen Rikshaw-Fahrer, aber irgendwann packt ja jeden Fahrer der Ehrgeiz einen bestimmten anderen Verkehrsteilnehmer hinter sich zu lassen. In seinem Fall war es ein Mädchen auf der Wespa, dass sogar mit Helm fuhr, darunter ein ewig langer herrlich geflochtener schwarzer Zopf, der Schal ihres Salvarkameez (sieht aus wie ein Sari, weite Hose, darüber ein Hemd, das so lang ist, als wär es ein Rock und dazu ein Schal oder so ähnlich – ich hab so etwas ehrlich noch nicht angehabt und daher auch noch nicht ausgezogen) also ihr Schal weht im Wind und wann immer wir zum Überholen ansetzen, beschleunigt sie wieder ein wenig. Gelegentlich muss sie wegen der Schlaglöcher auf die Fahrbahnmitte, dann müssen wir wieder abbremsen und auch den nächsten Moment warten. Schön ist es dann im Schritttempo: Madame mit bloßen dünnen Ärmchen durch einen Lehmweg, der eher einer Buckelpiste gleicht, wackelt von links nach rechts, schlingert ein wenig, aber kämpft sich wacker nach vorne, weicht allen Hindernissen aus und lässt uns nicht einmal dabei vorbei. Dann unsere Chance, weil ein alter Mann mit einem halben Fahrrad auf dem Rücken - von Beruf also Messerschleifer – auf die Straße tritt, direkt vor ihr und seines Weges trottet. Man könnte also annehmen, dass sie dem armen Mann Zeit gibt, weil es sowieso nicht vorangeht und sie ohnehin nicht sicher auf der Wespa fahren kann. Wie es sich aber nun einmal gehört, drückt Madame ohne Unterlass auf die Hupe und fährt zu allem Überfluss auch noch dicht auf.

Worauf wollte der Autor hinaus? Alles einfach eine Frage der Umstände. Ansgar kommt eben heim und zeigt mir, was ihm die Inder anhand seines Feuerzeugbenzins bei der Arbeit beigebracht haben, nämlich ein Herz aus Benzin auf den Boden malen und anzünden. Sieht echt nett aus. Zur Nachahmung empfohlen.

Nun müssen wir aber dringend in die Residency Towers auf ein Bierchen.

Ich fass den Gedanken bei Zeiten wieder auf.

Freitag, 4. Januar 2008

dank für die Photos an Ansgar!

http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,526408,00.html


The germans got the watches – the indians got the time. Also dauert es gut eine halbe Stunde, in der ich gespannt jede Rikshaw beschaue und jedes Taxi. Und einige Stewardessen in Sarees, rein aus kulturellem Interesse. Sari schreibt sich bloß in einigen Läden in Chennai Saree, genauso wie ich gestern ein Geschäft mit der beinah selbstironischen Aufschrift „Clotheezzz“ gesehen habe.

Ein anderer Weißer, den ich im Flughafen gesehen habe verlässt den Flughafen, man betrachtet sich kurz, geht auf einander zu, erkundigt sich, ob der andere zurechtkäme, man ihn irgendwo mit hinnehmen solle, aber es stellt sich heraus, dass wir beide ganz gut klar kommen. Schließlich hält einige Meter entfernt und laut hupend – was hier an sich keine Besonderheit ist – der kleinste je gebaute Suzuki an, zwei Bleiche grinsen mich an, der eine ist sogar doof genug meinem ewig schweren Koffer zum Auto zu tragen, das ist dann also Götz, mein damaliger Nachfolger aus der Handelskammer, der im Moment in Bangalore ein Praktikum absolviert. Der andere ist Ansgar und seine Firma stellt ihm den Suzuki. Ansgar ist Bauingenieur und viel wichtiger für das Leben hier ist er immer die Ruhe in Person.

Wir fahren also vom Flughafen weg und es beginnt zugleich das nächste Abenteuer. Ansgar hat in meiner vierzehn-monatigen Abwesenheit die Stadt offensichtlich ziemlich gut kennengelernt, zumindest so gut, dass er sich zutraut, ohne jeden Stadtplan aus dem Flughafen im Süden der Stadt bis in das leicht nördliche Zentrum zu fahren. Sein Trick, den er mir später verrät, ist es, dass die meisten Straßen hier gerade sind. Aha, Herr Bauingenieur. Wir fahren durch kleine lehmige Straßen, unterhalb der Fly-overs und vorbei an den Hütten, die so erscheinen, als seien sie nur aus Bananenpalmenblättern gebaut. Immer wieder ist Schritttempo gefordert, weil sich der Suzuki durch Schlaglöcher quälen muss, in denen er beinahe selbst versinkt. Währenddessen läuft im Auto eine von Ansgar verloren geglaubte Audio-Kassette mit einer Art afrikanischer easy-listening Folklore, die wir wiederentdeckten, als wir den Kofferraum beluden... Das leichte Klimpern der Musik führt die ganze Situation ad absurdum, weil das Leben draußen alles andere als Leicht erscheint. Mir fallen die etlichen Diskussionen ein, die ich Deutschland führte, ob nämlich Indien und China demnächst einmal das zumindest wirtschaftliche Zentrum der Welt darstellen und wer diese Stadt sieht, müsste genauso wie ich es tue, ein wenig darüber schmunzeln. Nicht, dass nicht etwa an jeder Ecke Straßen renoviert und neue Häuser gebaut würden. Und ohne Zweifel sind sämtliche weltweit bekannten Unternehmen nicht bloß mit ihren Waren und riesigen Werbetafeln auf dem Markt vertreten, sondern mit eigenen Produktionen. Der Gesamteindruck lässt aber auf alles andere schließen, als auf ein zukünftiges wirtschaftliches Zentrum der Welt. Ich habe bisher kein Land der sogenannten „Dritten Welt“ in meinem Leben gesehen, wahrscheinlich sind damit solche gemeint, die diesen Industrialisierungschritt noch nicht vollzogen haben oder noch nicht einmal damit begonnen haben. Aber zumindest in Chennai und Mumbai erinnert jede verfallene Mauer, Bananenhütte, jedes Hausgerüst aus Bambus und eben auch die bettelarmen Männer in Röcken auf der Straße daran, dass diese Zeit in Indien nicht lange her ist und sicher in sehr vielen Bereichen noch immer sehr präsent ist. Frauen, die die Ziegelsteine auf den Baustellen auf dem Kopf tragen, alte Menschen, die auf Fahrrädern mit einem Korb vorne darauf Baumaterialien zuliefern. Diese Herkunft kann Indien nicht verleugnen und man muss sich hier keine Glaskugel kaufen, um zu erfahren, dass sich das so schnell nicht ändern lässt. Auf der anderen Seite würde ich hier sonst aber ganz sicher auch nicht leben wollen, da wahrscheinlich das Leben auf den Straßen abnähme, die Menschen ihre Unbefangenheit verlören.

Wir verfahren uns auf dem Weg nach Hause mehrmals, meine ausgedrückte Bewunderung, dass sich Ansgar mit dem Auto hier zurechtfindet, war leicht verfrüht, wobei ich sicher nicht ansatzweise die Richtung zu seinem Haus gefunden hätte. Dort angekommen ist es derselbe Eindruck wie bei meiner ersten Ankunft. Ein kurzer Schock bei dem Blick auf die Straße und die Erleichterung beim Betreten der Wohnung, die wirklich nichts zu wünschen übrig lässt. Der Toaster, den ich mitgebracht habe ist eines der wenigen Utensile, die hier noch gefehlt haben. Drei Schlafzimmer, jeweils mit Bad, ein großes Wohn- mit angrenzendem Esszimmer. Eine Treppe führt hinauf zu zweien der Schlafzimmer und dort gelangt man über den Flur auf eine herrliche Dachterrasse, die mir wesentlich mehr bedeutet, als jede Klimaanlage, solange denn auch ein Ventilator im Zimmer ist.

Leider muss Ansgar um circa neun Uhr zur Arbeit und so muss er erst einmal beim Frühstück auf das ein oder andere Glas Import-Whiskey verzichten, das Götz und ich aber aus kamaradschaftlicher Verbundenheit für ihn mittrinken. Das letzte Mal war ich mit Götz in Kreuzberg nach einer Alumni-Veranstaltung der Handelskammer unterwegs. Nicht gerade selten höre ich mich „ich glaub es einfach nicht“ sagen. Mein Horizont ist für gewöhnlich derart beschränkt, dass ich nur das Leben wahrzunehmen vermag, dass sich vor meinen Augen abspielt. Wenn ich also nach Köln oder Oldenburg gefahren bin, dann weiß ich zwar, dass auch ohne mich, das Leben dort fortschreitet, aber das Leben an einem bestimmten Ort fühle ich gerade nur dann, wenn meine fünf Sinne die Stadt wahrzunehmen beginnen. Es ist natürlich nicht sonderlich schwer, sich in Abwesenheit das Leben vorzustellen, es sich auszumalen. Chennai, das zumindest ein paar Monate lang einmal meine Heimat war, ist selbstverständlich extremer. Nicht nur, dass ich den Kontakt und die Erzählungen aus Fernweh etwas gemieden habe. Aber obwohl ich das Leben hier kannte, gebietet einem die Vernunft und das tägliche Stadtbild in Hamburg erhebliche Zweifel daran, dass eine so andersartige Welt tatsächlich existiert. Meine vorherigen Ängste weichen der Freude, wieder hier zu sein, bei meinen Freunden, in dieser Stadt, bei dem Wetter, den Menschen auf der Straße und ich erreiche sogar morgens um acht einige meiner anderen früheren Freunde und Bekannten aus Chennai und Mumbai.

Ansgar fährt zur Arbeit, Götz und ich mit der Rik ins Einkaufszentrum, weil ich dringend andere Hosen brauche. Dort angekommen bemerken wir, dass die Geschäfte erst gegen zehn Uhr nach und nach öffnen, unterhalten wir uns in aller Ruhe einige Zeit auf dem Parkdeck. Die Sonne scheint, es ist der 31. Dezember 2007, es sind bestimmt 30 Grad im Schatten. Die Einkaufstour verläuft wie üblich: man schlägt sich an den Kashmereverkäufern vorbei, lässt sich in den kleinen Läden im Einkaufszentrum Fotokameras und alles mögliche andere vorführen, im Jeansgeschäft kaufe ich mir eine Hose, ein Unterhemd, dass unbedingt notwendig unter den Hemden zu tragen ist, wenn man das Hemd nicht allzu gerne als zweite Haut tragen möchte. Den Weg zur Kasse verbauen mir circa zwölf Verkäufer, die Lunte riechen und mir weitere Hosen, Shirts und was weiß ich noch anbieten. Danach geht es in die Handelskammer auf eine kurze Begrüßung unseres ehemaligen Chefs und der Mitarbeiter, die auch gleich etwas zu essen für uns mitbestellen möchten. Wir lehnen freundlich ab, weil wir noch andere Pläne geschmiedet haben, unterhalten uns aber nett und man fühlt sich, als wär man nie weg gewesen.

Die nächste Fahrt ist wunderschön und zwar stoppen wir wie schon 150 Male gemeinsam zuvor eine Rik vor der Handelkammer und plappern beide gleichzeitig auf den Fahrer ein: „Adyar, Adyar, Indra Nagar, Indra Nagar, Watertank, ha, Watertank, ha, Adyar, Indra Nagar, how much? No no, no tourist, we go every day, every day, 60 Rupees“. Der Fahrer kennt das Spiel, tut beleidigt, wirft den Motor an, dreht sich aber noch einmal um, schlägt uns einen anderen Preis vor, jetzt sind aber wir schwer beleidigt, bewegen uns von der Rik weg, sagen etwas wie “70 Rupees, final, 70, final”, er schüttelt den Kopf (das heißt nein) wir gehen, er ruft uns „80 Rupees“ zu, „75?“ lautet unsere Antwort und er schüttelt wieder den Kopf, dieses Mal bedeutet das „ja“.

Den Weg aus T.Nagar nach Indra Nagar bestimmen die Rik-Fahrer jedes Mal neu, man freut sich, wenn man einige Ampeln, an denen stark gebettelt wird, bei Grün mitnimmt, die Stadt zeigt wieder einige Veränderungen auf, neue Häuser, vor allem aber neue Baustellen. Wir kommen in Adyar an, ich sehe die Restaurants, in denen wir waren (Sanghitha, ein günstiges Veg-Restaurant), wir biegen wie immer von der LB Road Richtung Indra Nagar ein, fahren an dem widerlichen Burger-Laden vorbei, bei dem wir so oft bestellt haben, weil man ein wenig heimatliches Essen brauchte, passieren Cafe Coffee Day, in dem ich mit Parin beinahe jeden Tag saß, mein Fitnessstudio und den Supermarkt unten an der Ecke, in dem zwanzig kleine Mädchen mit vorstehenden Zähnen, kunstvoll geflochtetenen Haaren und einem so würdevollen Blick arbeiten, dass ich dort immer wieder hingegangen bin, notfalls unter dem Vorwand, einfach eine Flasche Wasser kaufen zu wollen.

Hinter dem Haus, in dem Götz und ich gewohnt haben, ist ein gut zwanzig geschössiges Haus entstanden. An damalige Bauarbeiten können wir uns nicht erinnern. Neben uns hält eine Rik und Rebecca, ein indisches Mädchen, dass ich damals kurz vor meiner Abreise kennenlernte und mit ihr über die Zeit hinweg per Email, Telefon und Sms in Kontakt geblieben bin, steckt ihren Kopf heraus. Götz und ich versuchen wegzulaufen, nein, quatsch. Dass sie uns dort trifft ist weniger Zufall als vielmehr eine kleine Lücke in meiner obigen Geschichte, aber ansonsten wahren, Geschichte. Eigentlich waren wir im Cafe Coffee Day verabredet, Götz und ich hatten aber vorher eben andere Pläne. Es ist auch nicht ganz so schwer, zwei Weiße in Chennai aufzustöbern. Wir reden also kurz wegen der Sylvesterpläne, wobei Sylvesterstimmung bei 30 Grad nicht so recht aufzukommen vermag. Der Rikshaw-Fahrer ist ausgestiegen, beäugt uns leicht skeptisch aber doch freundlich, zumal wir ihn natürlich auch begrüßt haben. Sie muss dann auch weiter, zum Abschied geben wir uns die Hand und selbst das ist für indische Verhältnisse auf der Straße, zumal ja foreigner und modernes indisches Mädchen, recht ungewöhnlich. Wenn ich hier „Indien“ im Allgemeinen schreibe, trifft das in jedem Fall auf Chennai und sicher auch auf sämtliche konservative ländliche Regionen zu. In Mumbai mag das ein wenig anders aussehen, wenn auch nicht grundlegend anders. Götz und ich laufen Richtung Coffee Day, bestellen Tee, bekommen Kekse dazu, die wir nicht bestellt haben und während ich telefoniere diskutiert Götz drei Bedienungen mitsamt dem Geschäftsführer wegen dieses Fehlers freundlich aber bestimmt an die Wand. Ich nehme wahr, dass Tee und Keks jetzt wohl ein Spezialmenu darstellen soll, Götz zeigt, dass wir die Karte nicht einmal angeguckt haben und einfach nur Tee bestellt haben. Jedenfalls interessiert uns dieses Menu nicht. Der Nachbartisch, bestehend aus vier Indern/Inderinnen hat dasselbe Problem gehabt, aber eben keinen Götz, der sich durchsetzt und ihnen anschließend empiehlt, sich wegen Rassissmus erst recht zu beschweren, da wir im Gegensatz zu den Indern die Kekse schließlich doch nicht zu bezahlen haben. Keine zwei Minuten später sitzen wir am Nachbartisch, unterhalten uns nett und machen uns anschließend auf den Heimweg, weil wir der langen kurzen Nacht und dem Frühstück nun doch Tribut zollen müssen, nun müde sind. Daheim angekommen, schlafen wir eine Runde, Ansgar kommt heim, wir duschen, das klingt zweideutig, ziehen uns an, ich mit Jeans und T-Shirt, Ansgar mit Polo-Hemd und Seitentaschenhose und Götz mit dicken Ledertretern, Khakihose, Hemd und Jacket. Wer von uns richtig liegt, konnten wir über den Abend hinweg leider nicht ausmachen.

Jetzt fass ich mich kurz: die Fahrt zur der Strandparty dauert ewig, die Straßen sind stickig und überfüllt, unser Rikshaw-Fahrer hat gute Reflexe, der Motoradfahrer neben uns nicht und rast frontal auf einen vor uns bremsenden Bus.

Am Strand angekommen, finden wir das Bella Ciao, der Eintritt ist völlig überzogen, zur Begrüßung gibt es einen Shooter, dann ein Buffet, Bier, es sind eindeutig zuviele Weiße und vor allem Deutsche da, dafür aber auch richtig nette Inder, lauter westlicher RnB und HipHop, Schwarzlicht, alles natürlich im Freien, wir werden jeder Menge Leute vorgestellt.

Das Ganze endet in der Nähe vom Strand, die Jungs bleiben bis 10 Uhr morgens bzw. der andere bis 10 Uhr abends noch da. Ich muss mich jetzt aber mal duschen, Ansgar zum Mittagessen treffen, dann Fußballspielen mit Hudson, einem Deutsch-Tamilen, der gerade Referendar bei der Handelskammer ist. Für mein Brüderchen, das nicht lesen kann (dafür aber jede Menge Bücher nach Australien geschickt bekommen möchte) heute ein paar Bilder.

Bis bald


Mittwoch, 2. Januar 2008

Tag 0

Erst einmal entschuldige ich mich bei denjengen, die mich zwar noch vor meiner Abreise versucht haben anzurufen, mich aber nicht erreicht haben. Neben dem, was alles zu tun war, haben die Gefühle, also meine Ängste und Sorgen gerne mal überhand genommen. Dann musste ich mir die positiven Dinge, meine Hoffnugen und meine Sehnsucht nach Indien wieder bewusst machen. Das ist manchmal leichter gesagt als getan – jedenfalls bei mir ist das offensichtlich so. Viel verwirrender, dass mich ein Jahr lang das Fernweh nicht losgelassen hat, sicher dadurch verstärkt, dass nicht alles so lief, wie es hätte laufen sollen oder können – und wenn ich mich so umsehe, dann ist es vielleicht auch sehr gut so, wie es gelaufen ist. Kann man mir folgen?

Nun denn. Einige Nächte lag ich in Hamburg noch wach, weil die Gedanken nicht enden wollten. Am Samstag vormittag ging es dann mit der Bahn nach Frankfurt, wo ich einen Freund von früher aus Saarbrücken traf, der mit mir die Nacht im Hotel verbringen wollte.. Am Abend wurden dann einige Irish-Pubs besucht. Auf der Suche nach einem Restaurant stießen wir leider nur auf Thailänder und Inder, woran mir aus gegebenen Anlass nicht so recht viel lag. Nach ein paar Bier war aber die notwendige Bettschwere erreicht, zwei Wecker gestellt und der Telefonservice des Hotels infomiert. Um sechs Uhr morgens ging es also raus aus den Federn, Frühstück auf den nervösen Magen, ab zum Flughafen mit viel zuviel Zeit, einchecken, stundenlang Kaffee trinken, dann endlich boarden – tschüss an Carsten und vielen vielen Dank für die Unterstützung!

Auf dem Flug in den Bahrain suchte ich meinen Platz, wobei zeitgleich eine Mitpassagierin nicht aus den Augen zu verlieren war. Rein zufällig saßen wir in der gleichen Reihe, allerdings mit einem Gang zwischen uns und nun auch vielen Dank an Gulf Air und die freundliche Stewardess, die uns einen gemeinsamen Platz weiter vorne im Flieger anbot. Nach einigen Stunden Unterhaltung schliefen wir dann ein und ich wurde dann leider etwas unsanft geweckt, nämlich mit einem Saftwagen gegen mein Knie.

Im Bahrain liefen wie zu erwarten einige viele Scheichs herum, die mich wohl eher wegen meiner blonden Begleitung bewunderten. Von dem Land gab es natürlich nichts zu sehen, auch wenn es zuvor schon beeindruckend war, die Lichterfluten der Städte unter uns, die sich dort ansiedeln, zu betrachten. Einige Landschaften, die wir überfogen haben, sind mir schlicht unerklärlich, dat gibts in Hamburch so nich.

Weitere drei Stunden später sitz ich dann endlich mit hundert Tamilen im nächsten Flieger, diesmal am Fenster und hab die Augen geschlossen, auch weil ich den Unterhaltungen ein wenig aus dem Weg gehen will. Als einziger wenn auch Dunkelweißer besteht diese Gefahr leider immer. Wieder wurde ich aber aus meinem Halbschlaf von einer Stewardess gerissen und wieder nicht die ersehnte Nachricht. Ob ich denn nicht eine eigene Reihe haben wolle. Tausend weiße aufgerisse Augen gucken mich aus tiefdunklen Gesichtern an, ich schäm mich selbst ein wenig für dieses Angebot, aber der Gedanke an eine ganze Sitzreihe für mich lässt mich über die beiden Tamilen herübersteigen, wenn auch nicht so ganz gelenk, ab in die leere Reihe. In der ebenfalls nur einmännig besetzten Reihe neben mir grinse ich dann den dortigen Tamilen aus Verbundenheit an. Dieser versteht das leider falsch, kommt in meine Reihe, ich hab ihn dann wohl recht irritiert angesehen, er sagt wir könnten ja Freunde sein, meine Antwort lautet in etwa, dass ich vorher etwas schlafen möchte und so kommt es, dass er leicht traurig davonzieht und die schon bereit stehende, zu allem entschlossene Stewardess meine Reihe nicht mehr zu verteidigen braucht. Irgendwann konnt ich leider auch nicht mehr vorgaukeln, als würde ich schlafen, vor allem weil ja das Essen kam, also führ ich die überfällige Unterhaltung mit meinem Reihennachbarn, der aber schon nach drei Fragen den Rückzug antritt. Als wir unsere Einreisezettelchen erhalten, in denen Passnummer und und und einzutragen sind, fragt mich einer aus der Hinterreihe, ob ich das für ihn ausfüllen könnte und so find ich mich mit seinem Ausweis und seinem Zettelchen in der Hand wieder und muss einen ellenlangen Namen abschreiben, was mich circa 10 Minuten kostet. Nur der Name wohlgemerkt. Vor der Landung schnallt sich jeder ordentliche Passagier an und rückt seinen Sitz gerade. Fliegt man mit Tamilen, muss die Stewardess alle Nase lang die Leute dazu ermahnen, darüber diskutieren und dann noch einen Streit schlichten, der dadurch entsteht, dass ein Hintermann denkt, dass der vor ihm sitzende seinen Sitz nicht in Posititon gebracht hätte und daher aus voller Überzeugung diesen Faux-Pas aus eigener Kraft zu beheben. Leider klappt das nicht so recht, der vorne ist dafür reichlich genervt und pöbelt auf Tamil, die Stewardessen sprechen aber nur Persisch und Englisch, dafür aber ziemlich bestimmt, gepöbelt wird aber weiter, nun wird beiden jeweils ein separater Platz angeboten, was beide selbstverständlich ablehnen, das Pöbeln klingt ab, der Steward kommt dazu und nun stehen doch tatsächlich während der Landevorbereitung zwei Stewardessen und der Steward nahe der beiden Sitzgeraderücker. Nebenbei klingelt im Flugzeug immer mal wieder ein Handy...

Kaum sind alle drei Räder – hoffentlich sind es ein paar mehr – des Flugzeuges auf dem Boden, springen beinah alle Passagiere auf und reißen ihre Koffer aus den Schränken. 20 Minuten später verlassen wir das Flugzeug, es ist etwas stickig warm, bei der Passkontrolle muss ich dem Beamten betend mit den zusammengefalteten Händen vor der Brust versprechen, dass ich mich auch wirklich bei der Ausländerbehörde blicken lassen werde. Nebenbei hab ich noch einen Zettel unterschrieben, dass ich keine Fleischprodukte oder verderblichen Käse bei mir hab und bei dem Gedanken an meine Freunde hier musste ich das dann wohl auch unterschreiben. Ich verlasse also mit leichtem Herzpochen und einer Flasche Johnny Walker die Flughalle, wie gehabt stehen ein paar hundert Tamilen und glotzen den Weißen mit Koffern, Pulli und Jacke über der Schulter an. Einige wollen mir TuckTuck, Hotel und Ähnliches anbieten und in mir steigt das Gefühl auf, dass ich an diesem Flughafen bestimmt schon häufiger als zehnmal war. Immer wieder mit Schmerz und Freude verbundene Erinnerungen, aber schon ab dem dritten Mal ein Gefühl als sei das hier ein Zuhause. Ein TuckTuck-Fahrer ist so freundlich und bietet mir sein Handy an, ich rufe Ansgar an, Götz nimmt ab und sagt, sie seien in einer Viertelstunde am Flughafen. Es ist knapp fünf Uhr am Morgen.

Fast wär ich bis zu dem Bericht des ersten Tages vorgedrungen. Morgen vielleicht mehr. Vielleicht dann auch Photos.