Montag, 28. Januar 2008

Ponne







Ein wenig aus dem Alltag. Das Netzwerk an Freunden vereinigt die gesamte deutsche Gesellschaft untereinander. Geht man abends mit ein paar Leuten los, so trifft man ganz sicher auch die ganzen anderen Deutschen und ein paar High-Society-Inder. Zum einen ist das sehr nett, zum anderen fehlt dadurch die Bindung zu der „normalen“ indischen Gesellschaft. Diese Menschen lerne ich immer besser bei der Arbeit kennen, weil wir in einem kleineren Team arbeiten, täglich zusammen auf dem Dach mit Kaffeegutscheinen Kaffee trinken und mittags zusammen essen gehen. Verbunden mit dem Essen sind meine ersten Bauchschmerzen und mein erster Krankenhausbesuch. Die Behandlung kostet für Inder 50 Rupees, für Foreigner 75 und dreißig Tabletten kosteten nochmal 120 Rupees. Ich ging also in das Krankenhaus, wurde direkt in das Zimmer, in dem eine Ärztin und eine Krankenschwester sich befanden, durchgewunken, erzählte mein „Krankheitsbild“, das ich hier lieber nicht weiter ausbreite, und durfte mich dann hinlegen. Bevor ich mich ausziehen durfte, fragte die Ärztin „Do you smoke“. „Yes Ma`am“. „How much you smoke?“. „Around 10 to 15 daily“. “Is it enough?”. “Hä?”. “Is it enough for you? You want more?”. “Naa naa, it`s okay”. “Smoking is not good for your health!”. (Ja, Mutter). “I know”. “Why do smoke then?”. “I don`t know”. “Stop smoking, it`s not good for your health!”. “I got stomach problems”. “Put off your shirt….” Die Schwester fühlte dann meinen Puls, die Ärztin wurde sogar wieder freundlich zu mir, weil ich irgendetwas scheinbar Lustiges gesagt hatte, ich holte mir nebenan die Tabletten in der Apotheke, ging zurück zur Arbeit. Dort nahm ich wie versprochen eine Tablette ein, am Abend dann die restlichen drei Tabletten. Danach fuhren Ansgar und ich in eine Bar und brauchte nicht einmal einen einzigen Schluck Bier, um mich zu fühlen, als hätte ich schon 5-6 intus.

Nach unserer Heimkehr drehte sich alles und mir war schwindelig, beim Schlafen gehen, musste ich mich konzentrieren, damit sich das Augenschließen nicht zu sehr anfühlte, wie ein freier Fall. Am nächsten Morgen präparierte ich ein deftiges Frühstück, damit nicht wieder dasselbe passiert und rein nebenbei wollten sich Ansgar, Anke und Mirco die Tablette ansehen. Dabei wurde festgestellt, dass es sich um ein Antibiotikum, einer Tablette für gewisse Magenbakterien zum Ausgleich und einer Schmerztablette auf Paracetamol-Basis mit einer Dosierungseinheit von 650 handelte. Die (starken) Kopfschmerztabletten aus Deutschland haben die Aufschrift 100 oder 500. Wohlgemerkt war mir über vier Tage vorgeschrieben worden, den Kram einzuwerfen. Bei der „Zwischendurch“-Tablette handelte es sich dann wiederum um eine Art Immodium-Akut, die nach eigenen Angaben wegen ernsthafter Verstopfungsgefahr nicht länger als zwei Tage genommen werden soll. Insofern sei dem Indien-Reisenden empfohlen, die Tablettendosierungen nochmals selbst zu überprüfen.

In die gleiche Kerbe schlägt eine Geschichte, dass ein Bekannter sich nach einem Motoradunfall den Arm und die Hand schienen ließ um dann beim zweiten Besuch in einem anderen Krankenhaus zu erfahren, dass sein Mittelfinger gar nicht gebrochen sei und deshalb auch nicht weiterhin geschient werden müsste. Noch besser aber gefällt mir die Geschichte, die mir unlängst eine Bekannte zutrug: diese war sicher nach irgendwo auf dem Weg, als ein Polizist mit Schlagstock begann, mit Letzterem auf einem knochigen Rikshaw-Fahrer und einer Frau einzuprügeln, auf Kopf, Arme, Rücken. Der Rik-Fahrer habe noch seine Hände hingehalten, damit man ihm auf die Hände schlägt, aber derartig barmherzig war der Polizist wohl nicht veranlagt. Natürlich hatte er guten Grund, es war ihm zugetragen worden, dass die Frau auf dem Schoß des Rik-Fahrers gesessen habe, woraus der Bulle dann ganz helle schloss, dass sie eine Prostituierte sei. Man darf deswegen nicht ausschließen, dass so etwas nicht auch in Deutschland geschehen könnte, wobei die Wertvorstellung sich sicher etwas anders darstellt. Dazu mag ich auch die etwas ältere Geschichte aus Chennai bemühen, dass ein Park für längere Zeit geschlossen wurde, weil ein Pärchen sich dort geküsst hat. Und genau aus derartigen öffentlichen Provokationen patrollieren am Strand in Chennai einige Polizisten auf und ab, damit dieses ach so triebgesteuerte Völkchen nicht wie wild über sich herfällt. Nachts, also ab 10 oder 11, wird der Strand dann geschlossen. Wenn ich mich recht entsinne wird in Südfrankreich der Strand ebenfalls nachts geschlossen, allerdings aus dem Grund, dass die Liebespärchen morgens nicht von dem gigantischen Strand-Hak-Fahrzeug überrollt werden. Allerdings ist Frankreich auch dasjenige Land, das in öffentlichen Swimmingpools Badeshorts verbietet und nur noch die hautengen Höschen erlaubt.

So unterschiedlich sind die Länder. Im Alltag kann man diesem meist entfliehen, auf dem täglichen Heimweg in der Rikshaw suche ich stetig nach Anhaltspunkten, an denen ich mich orientieren kann, beobachte die Motorradfahrer, die anderen Rikshaws, wie sich der gesamte Verkehr dahin schlängelt – beinahe gleicht es einem Wunder, dass sich nicht an jeder Ecke Unfallopfer türmen. Nicht ohne Grund sieht man an vielen Motorrädern Metallstangen, die als Abstandshalter zu beiden Seiten hin dienen. Beinahe jeden Tag fahre ich einen anderen Weg nach Hause, weshalb mir die Anhaltspunkte nicht so sehr viel helfen. Ab und an sorge ich mich, ob der Fahrer mich vielleicht gar nicht nach Hause fahren möchte, sondern mich irgendwo anders abzuliefern gedenkt. Zuerst vernimmt man in einem solchen Augenblick einen beißenden Uringeruch neben dem täglichen Smok. Dazu mischt sich gelegentlich ein fauler unbekannter Geruch und gerne auch einmal eine Ahnung von Curry. Es geht durch eine dunkle Straße, links und rechts stehen keine Häuser mehr, nur Baracken und dann nicht einmal mehr Baracken, sondern notdürftige Hütten, Dächer aus Pappe, Plastik, Palmenblättern oder Wellblech, alte gebrechliche Menschen sitzen scheinbar tatenlos davor, einige Menschen laufen kreuz und quer, einige Frauen kochen über einem Gasherd oder bloßem Feuer oder waschen zwischen oder vor den Hütten auf dem Boden Wäsche, einige Kinder spielen im Dreck, ein Mädchen tritt sauber und makellos angezogen aus einer der Hütten, aufrechten Ganges passiert sie die Hütten, blickt mich an, aber ihr würdevoll majestätisches Gesicht scheut sich vor einem Lächeln und sie erscheint stolzer und wertvoller als die Mädchen in den Five-Stars. Die Straße ist holprig, so dass wir die Fahrt verlangsamen müssen. Nach links und rechts weichen wir den Schlaglöchern aus, rauschen um Haaresbreite an den Menschen am Straßenrand vorbei, die das seelenruhig hinnehmen. Es kommt vor, dass sich der Rik-Fahrer tatsächlich verfahren hat, dann anhält und ein Unwohlsein in mir aufsteigt. Einige Menschen blicken dann vom Straßenrand hinüber – mehr nicht. Der Fahrer biegt rechts ab, die nächste Straße ist kurz und genauso ärmlich, erbärmlich. Wir treffen auf eine Hauptstraße und innerhalb einer Millisekunde weiß ich wo ich bin: hier lefta, dann in zwanzig Metern lefta, dann in dreißig Metern second righta, dann stoppa, da bin ich daheim. So scheint die Nachbarschaft beinahe jeden Ortes in irgendeiner kleinen Seitenstraße auszusehen. Ob man genau hinsieht ist sicher eine andere Frage. Nichtsdestotrotz verwundert es, wenn auf DW-TV (Deutsche Welle Fernsehen) Merkels Strategien gelobt werden, beispielsweise bei ihren Besuchen in der dritten Welt und unsere alltäglichen Bilder der indischen Städte werden gezeigt.



Samstag, 26. Januar 2008

Kudi
































Donnerstag, 17. Januar 2008

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1,5 Tage Urlaub

Eigentlich wollte ich mehr über den Alltag berichten, aber wegen unseres Pongal-Festes sei das erst einmal hinten angestellt. Pongal ist ein Ernte-Dank-Fest in Tamil Nadu, dem Bundesland, in dem ich hier lebe. An sich ist das nicht sonderlich interessant, aber für uns bedeutete dies gleichzeitig ein verlängertes Wochenende. Da die meisten von uns am Samstag arbeiten mussten, fuhren wir am Sonntag morgens los. Weder der Lonely-Planet noch die anderen Straßenkarten hatten uns einen richtigen Plan darüber geben können, was man sich in dieser Gegend angucken kann, wenn man nicht allzu viel auf Tempel und Goldstatuen gibt. Thomas, ein Freund aus damaliger Zeit, wollte aber unbedingt eine Reiseroute haben und das auch noch, bevor wir losfuhren. Also logen wir, dass in Andhra Pradesh, dem Bundesland nördlich von uns, ein wunderschöner See mit Stränden und Pelikanen sei und wir dort in ein Dorf fahren könnten, um auszuspannen. Zugegebenermaßen gibt es diesen See tatsächlich. Wir, das sind Hudson, Ansgar und ich, entdeckten den See am Samstagabend auf einer Karte und da uns bis zum nächsten Morgen nicht sonderlich viel einfiel, logen wir, dass dieser Ort äußerst interessant klinge. Am nächsten Morgen holte Thomas uns ab und nachdem wir Ansgars Freundin nach Hause gebracht hatten, ging es auf die Suche nach der NH5, der Autobahn in Richtung des kühlen Nordens. Zwar kennen sich Ansgar und Thomas ziemlich gut im Zentrum und Teilen des Südens von Chennai aus -– die Autobahn beginnt jedoch im Norden der Stadt, wo jede Straße für uns gleich aussieht und wo wir einen Jeden auf der Straße befragten.


Nach einigen U-Turns und Zick-Zack-Fahrten befanden wir uns auf einer breiten, in beide Richtungen zweispurigen Straße, die sogar Fahrbahnmarkierungen aufzeigte und einen Seitenstreifen aus Sand. Thomas, so hieß ja unser Fahrer, setzte den zuvor ungewollten Zick-Zack Kurs nunmehr auf der Autobahn gewollt fort, seinen Überholversuch zweier Laster über den Sandstandstreifen verhinderte glücklicherweise eine Kuh. Wir alle waren von dem Zustand der Straße sehr positiv überrascht, hörten Ansgar`s Johnny Cash CD, alle Fenster weit
geöffnet und so ging es durch eine Landschaft, die nahezu an Spanien oder Italien erinnerte.




Bemerkenswert waren die Palmen, aber vor allem, die Entstehung etlicher neuer Häuser und Fabriken. Der Verkehr auf der Straße von relativ ruhig, natürlich wurde viel gehupt und Hupen ist ganz besondersnotwendig, bevor ein LKW überholt wird, damit dieser uns wahrnimmt, weil nie ganz sicher ist, ob er einen Außenspiegel hat und gegebenenfalls benutzt.


Nach einer guten Stunde bekamen wir dann aber Hunger und hielten in einem der Dörfer, durch welches die Autobahn führt. Man muss sich die Autobahn eher so vorstellen, dass sie nur in der Mitte eine Art Leitplanke hat, die aber auch alle paar Kilometer geöffnet ist, damit man auch einmal wenden kann. Es gibt auch keine klassischen Ausfahrten, die dann kreisförmig auf
die nahegelegene Landstraße führen. Die Ausfahrten bestehen aus einer kleinen Spur ganz links (wir haben ja Linksverkehr hier). Diese Spur verselbstständigt sich dann, indem sie durch eine Leitplanke auf der rechten Seite von der Autobahn getrennt wird. Links von einem liegt dann schon der Beginn eines Dorfes, meistens sogar das gesamte Dorf mitsamt sämtlicher Tabak-, Frucht-, Gemüse- und Obstläden. Die Menschen laufen kreuz und quer durch die „Autobahnabfahrten, die Kinder spielen auf dem „Bürgersteig“ – man kann also sagen dass sich das Dorf direkt an die Autobahn gesiedelt hat. Daher haben die Tankstellen keine richtigen „Shops“. Diesen Service bietet das anliegende Dörfchen. Wir verpassten die Ausfahrt, nahmen also die Autobahneinfahrt und fuhren entgegen dieser „Einbahnstraße“ zurück zu den Läden. Das ist durchaus üblich und stört nicht einmal den Gegenverkehr, weil er es ja gewohnt ist. Kaum geparkt und ausgestiegen geraten die drei Weißen mit dem Tamilen zur Attraktion, einige Mädchen lächeln uns schüchtern an, ein paar Kinder lachen oder rufen „Hi Sirr, whats yourrr name“. Wir gehen diese staubige Straße neben der Autobahn auf und ab, um den besten „Supermarkt“ zu finden, wobei sämtliche Läden Tresengeschäfte sind, sie also nicht zu betreten sind. Während Thomas und Hudson Weißbrot und Kekse suchen und Ansgar ein Messer kaufen geht, habe ich den Auftrag etwas Obst und Gemüse zu kaufen. Ich stell mich also an einen Stand und fordere Bananas, um mir die Antwort einzufangen, dass die Bananen die ich da sehe schon zum Nachbarstand gehören. Also kaufe ich bei dem etwa fünfzigjährigen Mann fünf oder sechs Tomaten und einige Karotten und muss dafür 7 Rupees hinlegen. Am Nachbarstand stehe ich zwar in erster Reihe, aber neben mir beschimpft ein Kunde auf Telugu den ältesten der drei Verkäufer. Ich kenne ja nur die Geschichten über Tamilen und da heißt es eben, dass man bloß Distanz waren sollen, wenn sich diese eigentlich friedsamen Menschen sich zu streiten beginnen. Ich warte also höflich und nach und nach gesellen sich Ansgar der Messerkäufer und Thomas und Hudson, die ekliges Milchbrötchen-Brot gekauft haben, das später mit der deutschen Salami noch viel ekliger schmecken wird, zu mir. Ein anderer Mann versucht den wütenden Kunden immer wieder zu beschwichtigen und vom Stand wegzuziehen; dieser jedoch pöbelt herrlich weiter und sobald er dann doch Anstalten macht, zu gehen, legt der Obstverkäufer noch einen nach. Dann kommt der Kunde wieder den einen Meter zurück, versucht nach einem Apfel zu greifen, beide werden wieder lauter und wir Vier stehen mit etwas Abstand daneben. Nach gut 10 Minuten ist der Streit vorbei, der Obstverkäufer setzt sein breitestes Grinsen für uns auf und die vier Deutschen kaufen 20 kleine Bananen, 8 Orangen, 8 Mandarinen, einige Zitronen, die aber süß sind, einige Granatäpfel und eine Ananas, bei der aber keiner von uns so richtig weiß, woran man deren Reife erkennt. Das Ganze kostet uns 80 Rupees. Sehr schön. Auf dem Weg zum Auto stehen nunmehr 5 Mädchen zum kollektiv schüchternen Lächeln parat, wir fahren aber nun doch weiter.


Während der Fahrt diskutieren wir wild, wohin die Reise gehen soll, halten irgendwo an einem Wine-Shop, erkunden uns nach einigen Orten in der Nähe und fahren schließlich rechts ab Richtung Meer (nur zur Orientierung: Chennai liegt an der Ostküste, die NH5 führt circa 20 Kilometer westlich der Küste gen Norden). Unser Plan orientierte sich also an einigen Palmen, die in Strandnähe eingezeichnet waren. Die „Landstraße“ ist nicht breit genug für zwei Autos, etliche auch gefährliche Schlaglöcher und Unebenen schikanieren uns überdies, die Mittagssonne brennt, die Luft ist staubig, angenehm schwül der Fahrtwind. Unser Fahrer fährt gerne mit Tempo 50 auf die uns entgegenkommenden Autos, Rikshaws, aber auch LKW`s und Busse zu, bremst in letzter Sekunde, um dann doch manchmal nach rechts auf den rot-staubigen Sand auszuweichen. Zwischendurch zwingt uns die Beschaffenheit der Fahrbahn
zu Vollbremsungen. Vor einer Dorfeinfahrt überholen uns beinahe gleichzeitig Riskshaw und Motorad. Kurz nach der Dorfeinfahrt liegt das Motorad am Seitenrand, ein Mann liegt darunter, ein etwa achtjähriges Mädchen liegt daneben und ein Mann mit schmerzverzerrtem Blick steht schon wieder neben dem Motorad – die Rikshaw hält am linken Fahrbahnrand. Thomas fragt, ob wir halten sollten, wir bejahen das in der ersten erschrockenen Naivität, öffnen die Türen, sehen aber gleichzeitig, dass der eine Mann dem heulenden Mädchen aufhilft, das aber wohl eher vor Schrecken wieder in die Knie geht, der Mann versucht sie ein Stück wegzuschleifen, das Mädchen brüllt, eine Frau eilt herbei, nimmt es ohne sich die Verletzungen des Mädchens anzugucken auf den Arm und läuft von dannen, der Mann geht wütend auf die Rikshaw mit ihren 7 Insassen zu, das halbe Dorf hat sich versammelt, wir schließen die Türen, Thomas gibt Gas, wir sind dann besser nicht weiter dabei. Man weiß nie so richtig, wie solche Probleme gelöst werden und erfährt es auch besser nicht.


Thomas berichtete von einer Verkehrssituation, in der er ein Motorrad schnitt oder andersherum – jedenfalls versuchte der Motorradfahrer während der Fahrt das Autofenster einzuschlagen, um ihn zum Anhalten zu zwingen. Wir biegen von dieser Landstraße ab und kommen auf eine halbwegs asphaltierte Straße, vorbei an Reis- und Weizenfeldern, ordentlich
zugeschnitten und eingeteilt. Man sieht Jungs und Mädchen mit bloßen Händen Dünger streuen, Mann und Frau zentnerschwere Erntesäcke auf einen Ochsenwagen hieven, einige Frauen mit Töpfen und Säcken gehen die schier endlose Landstraße entlang, einige Hirten treiben ihre Ziegen und Kühe über die Straße. Dann sehen wir einen Mähdrescher und Thomas hält an, um sich diesen genauer anzusehen, watet durch einen Graben und steht schließlich auf
dem Feld neben dem Mähdrescher, wobei sich die beiden Jungs von dem Gringo auf dem Feld nicht wirklich gestört fühlen und weiter machen.


Ein Mann mit Trecker und Anhänger hält neben parkt nun ebenfalls am Feld, kommt zu uns, erkundigt sich nach allem Möglichen und wir finden heraus, dass einige dieser Felde ihm “gehören“. Er erzählt uns alle Zahlen von der Ernte, dem Verkaufserlös und der Miete für den Mähdrescher. Kostenlose tatkräftige Unterstützung bekommt er von seinen beiden Söhnen. Wir machen ein paar Fotos und verabschieden uns höflich, nachdem wir uns neben seinem Feld erleichtert haben.


Die Straßen werden nicht besser und gehen teilweise in Lehmstraßen über, das Bild von der Landschaft aber bleibt dieselbe: hart arbeitende Menschen, teilweise ohne jegliche Maschinerie und die Felder ziehen sich bis zum Horizont. Wir passieren einigen leeren Lehmbecken in der Größe von Fußballfeldern, deren Zweck wir nicht kennen. Die Fahrt führt durch einige Dörfer, die Menschen dort helfen uns, freundlich und erstaunt über unser Erscheinen und Erscheinungsbild, weiter und erklären uns den Weg bis ins nächste Dorf.



Am Ende gehen uns und unserer Landkarte die Anhaltspunkte für die weitere Route aus. Viele der Dörfer, die wir durchfahren haben, sind ohnehin nicht eingezeichnet – ebenso wenig die „Straßen“, auf denen wir fahren. Neben den Dorfwegen spielen die Kinder, einige Männer stehen
zusammen und reden, man sieht einige Ladenstände, an denen Kokusnüsse verkauft werden, Kautabak in silberner Folie und ab und an auch Cola und Sprite aus Kühltruhen. Die Häuser bestehen teils aus Lehm und Stroh, teils werden die Dächer mit Plastiktüten verstärkt oder auch mit alten Papppackungen. Einige Frauen machen Feuer im „Garten“ vor ihre Hütte. Dann plötzlich strahlt ein kleines, beinahe zweistöckiges frisch gestrichenes Haus neben dieser Einöde und direkt daneben steht schon das nächste Fundament für ein neuartiges Haus. Manche Dörfer bestehen schon vorwiegend auf Steinhäusern, andere dann wieder aus Lehmhütten. Dennoch wuchern auch hier, obwohl man sich 1000 Jahre in der Zeit zurückversetzt fühlt, neuaufkommende Baustellen und Häuser.


Wir durchqueren die Dörfer, fragen immer wieder nach „Beach beach“, als wären wir amerikanische Touris auf Mallorca. Dem entsprechend fangen wir uns fragende Blicke ein und wir erahnen langsam, dass nienand anderes und schon gar keine Weißen diese einsamen Landstraßen hinter sich lässt um seinen Strandurlaub zu verbringen.


Unsere einzige Sorge gilt allerdings eine Schlafunterkunft zu finden. Nun erreichen wir zumindest dem Horizont nach zu urteilen dem letzten Dorf vor dem Strand und ich biete meinen Mitfahrern an, mich künftig Jochen zu nennen, wenn in diesem Kaff ein Hotel zu finden ist. Auf allgemeines Drängen lasse ich mich auf den Namen „Wishwanatem“ breitschlagen, wir lassen die 200 m lange Dorfstraße hinter uns, biegen links ab, sehen rechts von uns den weißen klaren Strand, des Meeres Blau, die Fischer mit ihren Booten und Netzen und gerade aus steht ein Haus auf dem Guesthouse steht. Wir fahren bei (fast) allgemeiner Belustigung mit Wishwa zum Strand, steigen aus, ein paar Kinder haben Ansgars weißes Gesicht gesehen und sind uns gefolgt. Sie stehen da mit Tabletts, auf denen Blumen liegen und wollen Geld. Nix da. Die Seeluft bläst uns ins Gesicht, die Sonne wärmt, es riecht angenehm nach Fisch.

Wir fahren zurück zum Guesthouse, bekommen ein Zimmer für überteuerte 400 Rupees für 4 Personen, aber uns ist gerade alles egal. In der Halle des Guesthouses speist gerade ein Gast mit 20 Familienmitgliedern und bietet uns Essen an. Wir nehmen Platz, bekommen das Palmenblatt, darauf dann Reis, Vadai, Gravy mit Mutton, Curd, Dhal (Linsen) satt. Neben mir sitzt ein 30 jähriger dicker Inder und der Mann gegenüber macht Witze mit ihm, dass ich gefälligst mehr essen soll, um so fett wir mein Platznachbar zu werden. Nachdem wir gegessen haben kommen zu dem Entschluss, dem Gastgebber kein Geld anzubieten, weil so etwas in irgendeinem Reiseführer stand und der Mann sagt, seine Einladen hätten wir mit der Annahme der Einladung ausreichend honoriert. Süß.

Wir lassen unsere Sachen im Auto, weil sie dort sicherer sind als im Guesthouse und fahren die die 100m zur Dorfhauptstraße zurück. Dort spielt sich irgendeine Versammlung an einem Auto ab, deren Inhalt wir nicht verstehen. Kaum parken wir das Auto und steigen aus, liegt die Aufmerksamkeit jedoch bei uns. Ich gehe mit Ansgar zu einem kleinen Stand, um Cola, Wasser und Zigaretten zu kaufen. Mama und Papa von dem Stand machen scheinbar grad Mittagspause, also hütet die 14jährige Tochter das Geschäft, die nur sehr wenig Englisch spricht, allerdings immerhin und damit besser als das gesamte Dorf. Wir haben einige Verständigungsprobleme was die Menge der Getränke und die Größe der Flaschen angeht und kaum hat sie verstanden was ich möchte, befindet sich das Gewollte nicht in der Kühltruhe. Dies, der Kontakt mit den Ausländern und die Sprachprobleme machen das arme Mädchen vollkommen durcheinander. Dazu kommt noch, dass ich auf eine Stufe vor dem Laden steige, um die Zigaretten selbst auszuwählen. Das Mädchen verrechnet sich zu ihren Lasten einmal, zweimal, dreimal, dann ist es aber geschafft, sie lächelt ein wenig erschöpft aber über beide Ohren.


Wir fahren weiter zum Wine-Shop, vorbei an der ganzen Dorfgemeinschaft, die uns nun wirklich vereint anguckt, halten dort und ein Nachbar von dem Wine-Shop kommt zur Hilfe, um per Schlag auf den Kopf durch das Gitter des Shops den vollkommen besoffenen Verkäufer zu wecken. Dieser hat offensichtlich sechs Finger pro Hand, schafft es gerade so eben uns den Whiskey und das Bier zu geben. Nun sind wir startklar, kehren vorbei an dem erstaunten Dorfvolk zum Strand zurück, parken das Auto auf einer Erhöhung, ziehen uns im Auto schnell um, wobei es da sicher Dinge zu sehen gab, die man so nicht sehen wollte, und dann geht’s mit Whiskey, Bier und Obst gut 200m den von Krebsen wimmelnden Strand entlang zum Meer. Die Handtücher werden ausgebreitet, T-Shirts ausgezogen, der eine springt ins Wasser, der andere isst Orangen und Kekse, Sonnencreme haben wir dabei -– wir befinden uns wohlgemerkt auf der Nordhalbkugel am 13. Januar. Gut verständlich, dass sich selbst der Mond des Nachts gemütlich auf den Rücken legt.


Nach etlichem Obst - Thomas schält, Ansgar isst aus unseren Händen – haben wir Pepsi mit Whiskey gemischt und trinken ein kleines 65cl-Bierchen. Ab und zu kommt einer der Fischer dazu, setzt sich neben uns, guckt und wird prompt ignoriert. Der Blick gilt meistens dem Whiskey und den Zigarretten, einige kommen auch direkt zu uns und bitten darum, fangen sich aber eine Absage ein. Frisch gebadet versucht Thomas sich inmitten einer Herde auf eine liegende Kuh zu setzen, was leider misslingt. Danach begeben wir uns wieder in das Dorf. Auf dem Weg gesellen sich etliche Menschen zu uns, fragen uns nach allem Möglichen, Hudson versucht von denjenigen, die Tamil sprechen, zu erfahren, wo wir etwas zu essen bekommen. Immer wieder laufen wir die Dorfstraße auf und ab, die Fehlinformationen häufen sich, immer wieder heißt es dort hier gebe es was oder sonst dort oder auch man müsste etwas vorbestellen. Entweder liegt all dies an den Tamil-Kenntnissen der Einwohner oder an denen von Hudson. Man kann sich ja vorstellen, wer Schuld ist, wenn es nach Hudson geht. Während diese Unterhaltungen laufen, unterhalten wir uns mit den ganzen Jungen, die ihre „Hi, how are you, where are you from, what is your name“ – Fragen, beantwortet wissen möchten. Wenn uns ein Junge zu nahe rückt, bekommt er allerdings von einem Erwachsenen etwas zu hören, so dass ich mich nicht selten mitschuldig fühle. Mitten im Dorf läuft unter einem kleinen Dach ein Fernseher mit lauter Musik und viele haben sich davor versammelt und gucken gebannt auf den Bildschirm. Public viewing, wie irgendwer anmerkt. Aus Mangel an Beschäftigung gehen wir schließlich alle nacheinander zum Dorffriseur, 15 Rupees haircut, 5 Rupees shaving, wir zahlen insgesamt 100 Rupees und verbringen vor der kleinen Hütte des Friseurs, der sogar frische Klingen benutzt, mehr als eine Stunde. Langeweile mag dabei auch nicht aufkommen, zum einen wegen der Witze, die gemacht werden, sobald der Friseur die Klinge ansetzt und zum anderen, weil wir noch immer von dem halben Dorf umringt sind. Plötzlich stehen etwa fünf kleine Mädchen da und einige ältere Frauen und uns wird erklärt, dass am Pongal Geschenke an die Frauen gemacht werden sollen, etwa 200 Rupees wären wohl angemessen. Wir tun einfach so, als verstünden wir das nicht, nein, auch die angebotenen 50 Rupees werden nicht gezahlt.

Wir gehen zurück zum Guesthouse, kaufen auf dem Weg paniert und frittierte Peperoni und ein paar Vadai (Teigbällchen, Stück 1 Rupee…), räumen unsere Habseligkeiten in das Haus, wollen gerade die Tür abschließen, als unser Landlord dazukommt, der immer wieder auf eine Jute-Tragetasche zeigt und auf Telugu etwas erzählt. Nach langer Diskussion „stellt sich heraus“, dass er die Tasche entweder geliehen oder geschenkt haben will, weil er sie angeblich brauche. Nachdem weder Hudson noch Ansgars Erklärungsversuche den Landlord zufrieden stellen, platzt Thomas beinahe der Kragen – jedenfalls wird der Landlord wird aber in Nullkommanix hinausbefördert. Hudson und ich überlegen noch, ob das problematisch werden könnte, aber da klopft es schon wieder an der Tür, ein Verwandter des Landlords erklärt die ganze Geschichte genauso wenig verständlich wie der Landlord und er wird ebenso wie dieser nach draußen befördert. Wir trinken müde noch ein paar Schlücke, essen zur Hälfte die übermäßig scharfen Peperoni und die etwas lahmen Vadais, mampfen glücklich die Kekse und voller Freude die Mettwurst auf Milchbrötchen und danach pflichtbewusst Obst und Gemüse. Das fleckige Zimmer zählt drei Betten, verfügt über ein indisches Klo, schimmelt in allen Ecken und Enden, aber das alles stört keinen von uns.

Vom Hören-Sagen kann ich berichten, dass der Landlord um drei Uhr morgens erst leicht und dann immer stärker gegen die Tür geklopft habe, weil er die Tasche haben wollte. Drei der Jungs seien angeblich aufgewacht, hätten die Tür geöffnet und ihm abermals klargemacht, dass er Ansgars Jute-Beutel nicht bekäme.

Am nächsten Morgen klopfte es, und das ist nun wieder eine sichere Information, um halb neun an der Tür. Diesmal war es einer von Hudsons neuen Dorffreunde, weil Hudson ihm zugesagt hatte, dass wir um acht Uhr Fisch kaufen würden, diesen dann zu einer Frau brächten, die ihn für uns kochen würde. Jedenfalls standen nun drei Inder in unserem Zimmer und bewunderten
unseren aus Whiskey und Müll bestehenden Tisch und die faulen Ausländer, es könnte sein, dass es bei geschlossenem Fenster nicht sonderlich duftete. Ansgar übernahm dieses Mal, weil unser Sprachspezialist wegen des ach so kalten Ventilators sich komplett unter Bettdecke eingelümmelt hatte und keine Anstalten machte, sich zu bewegen. Ansgar wedelte aber einen Inder nach dem andern nett und freundlich aus dem Zimmer, danach standen wir auf, packten, gingen zum Strand und kauften zwei Kilogramm Fisch für 80 Rupees, den die Fischer gerade aus ihren Netzen holten. Danach gingen wir wie versprochen zu der Frau, die uns das Essen bereiten sollte. Auf einem am Boden befestigten Messer schlitzte sie die Fische gekonnt auf und entschuppte sie. Wir besprachen die letzten Details unseres Essens und gingen dann zum Strand, badeten ausgiebig und besahen danach noch einige Fischzuchtstellen, die gerade nahe am Meer errichtet werden. Leider war noch keine in Betrieb, uns wurde aber gesagt, dass sich insgesamt 14 solche Zuchtstellen im Bau befänden, bald jeweils 20 Menschen beschäftigung fänden und dass bereits jetzt die Krebse am Strand gekocht, dann irgendwo in Dosen verpackt und in die USA geliefert würden. Dort. Irgendwo im Nirgendwo.


Dann ging es zum Essen an die Hütte, die Frau hatte für uns Fisch frittiert und herzlich gewürzt, dazu Fisch in einer roten Soße gekocht, dazu gab es Dosai, eine Art Pfannkuchen.


Danach ging es raus aus dem Dorf, der nächste Irre ans Steuer. Dieser verfügte nicht einmal über eine indische Fahrerlaubnis. Es ging wiederum über holperige Wege, selbst einige der Inder sagten, der kommende Weg sei schlecht, uns kamen wieder Busse und Schafsherden entgegen.

Im Augenblick komme ich nicht dazu, die weiteren Tage zu beschreiben. Sie waren ähnlich aufregend. Sobald ich die weiteren Fotos von Hudson habe, werden die hier sicher zu sehen sein.